bye bye CeBit
Diese Woche liest man überall vom Ende der CeBit. Auch wenn ich von der Entwicklung der CeBit nicht wirklich begeistert war, werde ich sie doch vermissen.
Ich bin nicht so alt, dass ich von den angeblichen „guten alten Zeiten“ berichten könnte. Genaugenommen war ich das erste Mal 2008 auf der Messe. Damals aus war ich noch Schüler und musste dank der bescheidenen Altersbegrenzung in Begleitung eines Erziehungsberechtigten auf die Messe. Mal von dieser kleinen Unannehmlichkeit abgesehen, war ich damals von der Messe begeistert. Gut, die großen Server und Businesssoftware Hersteller waren uninteressant aber von Live-Hacking Shows über Präsentationen von Clouddiensten, die man auch als Schüler gebrauchen konnte, war einiges Interessantes dabei. Offengestanden war ich ein Fan der oft verpöhnten China Hallen. Es war cool durch die Reihen zu schlendern und sich die Gadgets und Geräte anzugucken und auszuprobieren, die ein halbes Jahr später mit anderem Logo bei Media Markt, Saturn und Conrad zu finden waren.
Fortan ging ich jährlich auf die CeBit. Freikarten gab es ja an jeder Ecke 🙂
Mit der Zeit steigerte sich mein Interesse an „Professioneller IT“, bis ich letzten Endes eine Ausbildung zum Fachinformatiker für Systemintegration begann. Auf einmal war die Messe nicht mehr nur aus Consumer Sicht interessant. Ich war jetzt teilweise zwei Tage auf der Messe, da ich mit vielen Ausstellern und auch anderen Gästen ins Gespräch kam. Ok, das Live-Hacking verlor den Charme, da ich den Scheiß jetzt selber konnte und vor allem wusste, das vieles des gezeigten auf gut gewarteten Unternehmenssystemen gar nicht erst funktionieren würde aber ich bin dabei mit anderen ins Gespräch gekommen. Außerdem nutzte ich die Messe um mit den Herstellern über Probleme ins Gespräch zu kommen. Sogar M$ hatte früher auf der Messe einen TechNet Stand. Einige Probleme ließen sich in diesem Umfeld problemlos und kostengünstig lösen. Was sicherlich für beide Seiten von Vorteil war, da wir aufgrund der Probleme teilweise mit einer Migration auf andere Lösungen geliebäugelt hatten.
Auch wenn ich auf der CeBit selbst bisher noch nie etwas gekauft oder beauftragt habe, habe ich mich gerne über verschiedene Produkte beraten lassen. Seien es Businessnotebooks mit den verschiedenen Supportvereinbarungen, Firewalls, Server, Racks, Netzwerkinfrastruktur, Prüfgeräte, Verwaltungssoftware, … . Man konnte auf der CeBit von Stand zu Stand gehen und die Produkte direkt miteinander vergleichen. Vor allem aber auch technische Fragen stellen und klären in wie weit sich die Produkte in vorhandene oder für Projekte geplante Umgebungen integrieren ließen.
Ich bin mir sicher, dass sich diese Gespräche im Nachhinein für den einen oder anderen Anbieter gelohnt haben. Wenn ich ein Problem habe, überlege ich ob ich ein Produkt kenne, das dieses Problem löst. Wenn ich mich dann an ein passendes System erinnere, das ich auf einer Messe schon mal ausprobiert hatte und bei dem die Funktionalität und Usability gestimmt hat, dann habe ich bei meinen Recherchen dieses Produkt gerne als Referenz genommen. Ganz ehrlich, ohne der Messe hätte ich nicht einmal gewusst nach was ich hätte googeln sollen und hätte garantiert niemals deren Produkte gefunden. Ok, mein damaliger Arbeitgeber (öffentlicher Dienst) war bei Beschaffungen immer an viel Papierkram gebunden aber hin und wieder kommt man auch mit befreundeten Admins ins Gespräch und kann Tipps geben. Ich weiß z.B. das zwei Firmen nach einen Gesprächen mit deren Admins, IP Cams eines Herstellers gekauft hatten, der sich die Zeit genommen hatte auf der Messe das Ausstellungssetup zurückzusetzen und die Kameras gemeinsam in ein vom 3 Ständen weiter geborgtes NAS einzurichten. Das war durch Zufall deren Anforderung.
Die Invasion der „Spargelstangen“, Hochglanzflyer und Labertaschen
Leider blieb es nicht dabei. Die CeBit begann sich immer mehr zu wandeln. In den letzten Jahren stehen nur noch groß gewachsene, gut aussehende, junge Frauen an den Tresen, die Flyer und Visitenkarten verteilen aber teilweise nicht einmal wissen was die Firma eigentlich verkauft. Ich wurde dann oft vertröstet, dass ich doch in x Stunden oder „Übermorgen“ noch mal vorbeikommen könnte, dann hätte einer der Vertreter Zeit mich zu beraten. Am besten fand ich die Stände, wo ich dann darauf hingewiesen wurde, dass die Infos alle auf der Homepage stünden oder, dass ich doch einen Vertriebler zu mir in die Firma einladen könnte. WtF!
Auch die Vorträge änderten sich immer mehr. Gut, es gab schon immer die klassischen Hochglanzflyer und die überstolzen Präsentationen, die das eigene Produkt als das beste der Welt hervorhoben. Aber ich habe auch viele technische Vorträge gesehen. Sprich wie wird das Produkt installiert, wie laufen Updates, Migrationen von Bestandsdaten, Quickhacky, Workflows im Tagesgeschäft, … . Anschließend konnte man Rückfragen stellen, die je nach Fragestellendem auch sehr tief in die Materie gingen. Wenn es nicht zu aufwändig war wurde darauf direkt eingegengen. Andernfalls wurden die Fragen anschließend in ruhigerer Atmosphäre in einem der Besprechungsräume geklärt. Das ist verloren gegangen! „Natürlich“ ist Ihr Produkt das einzig wahre. Aber ich bin Admin. Ich will nicht einfach nur sehen, dass ihr „alles perfekt“ könnt. Ich will sehen wie es funktioniert und an welchen Schrauben ich drehen könnte. Ich will sehen, dass Ihr Ahnung vom eurem Scheiß habt und im Problemfall schnell helfen könnt.
Der letzte Punkt, der mich immer mehr gestört hat, ist die Mischung der beiden vorherigen. Wenn man dann endlich einen der heiß begehrten „Berater“ ergattert hatte, dann kannten die Ihre Hochglanzbroschüre auswendig, wussten in welchen Punkten Sie besser sind als Ihre Konkurrenz (von deren Namen ich in diesem Zusammenhang das erste mal gehört habe und die ich natürlich am nächsten Tag gegooglet habe :)). Aber sie kennen ihre eigenen verdammten Produkte nicht! Schön, dass das Produkt geil ist aber kann ich es auf einem Ubuntu xy oder einem CentOS xyz Server Installieren? Historisch bedingt setzen wir nicht Standart „a“ ein, sondern nutzen ein System „b“. Kann ich das Produkt trotzdem anbinden? „Öööööhm. Da müssten Sie einen unserer Techniker fragen.“ Natürlich ist keiner von denen vor Ort und auch Telefonisch ist keiner erreichbar. Versprochen Rückrufe blieben natürlich auch aus.
Vor zwei Jahren musste ich ein neues Backupsystem und ein DMS für eine Bildungseinrichtung einführen. Bei den Backupherstellern hat mich (ohne Anzug) wohl keiner für ernst genommen. Auf jeden Fall wurde ich von den Hostessen nur mit Flyern abgefrühstückt. Die Damen an den Ständen der DMS Systeme waren zwar etwas bemühter und es fanden sich sogar „Berater“, die eine Menge über Ihre Produkte zu erzählen hatten. Aber nach welchen Standards diese Systeme für die Archivierung genutzt werden können, über welche APIs ich Daten hineinbkomme, … wussten Sie selber nicht. Die Beste Antwort: „Ja, unser Produkt xxx bietet vielfältige APIs.“ Nur welche, konnte er mir einfach nicht sagen xD
Ergo saß ich die kommenden Wochen doch wieder im Büro und habe die zur Messe vorbereiteten Excel Tabellen selber recherchiert.Na Herzlichen Dank!