das BGE durch die rosarote Brille betrachtet
Zugegeben ich habe mich bisher nicht wirklich mit dem Thema eines bedingungslosen Grundeinkommens beschäftigt. Da es aber gegenwärtig wieder durch die Medien geistert, kommt man halt doch das ein oder andere mal darüber ins Gespräch. So wurde ich vor kurzem von einem Kumpel aufgefordert das Thema einmal nicht voreingenommen pessimistisch zu sehen und mir einfach mal vorzustellen, wie sich mein Leben durch ein BGE verändern könnte.
die „rosarote Brille“
Unabhängig von der Machbarkeit haben wir uns die das BGE als rundum Sorglospaket vorgestellt:
- muss mich um nichts kümmern
- habe keine Verpflichtungen
- Rahmenbedingungen (Lebensunterhaltskosten, Steuern, …) bleiben wie sie gegenwärtig sind
- Sozialsysteme wie z.B. die Kranken- und Pflegeversicherung sind „einfach da“
- jeden Monat 1000€ bis an mein Lebensende
- Inflationsausgleich über die Jahre
- Mein gegenwärtiges Gehalt bleibt wie es ist und auch bei einem Jobwechsel würde ich nicht schlechter bezahlt
Oder um es kurz zu machen: Ich würde statt dem, was ich gegenwärtig an Nettogehalt überwiesen bekomme, zusätzlich (oder wenn ich nicht arbeite mindestens) ein Steuerfreies BGE erhalten.
Und was mache ich jetzt mit dem Geld?
Wenn ich ehrlich bin, dann ist das erste woran ich dabei Denke: Wie verhindere ich, dass das Geld einfach im Haushalt „versichert“?
Ich weiß, ich soll hier nicht pessimistisch denken. Aber wenn ich die 1000€ im Monat sicher mehr habe, dann ist es als hätte ich halt 1000€ mehr Gehalt. Meine Kaufkraft steigt und ich kann mir halt mehr „leisten“. Ich denke ich kann das verallgemeinern: Man arrangiert sich halt mit dem, was man zur Verfügung hat.
Ich meine ich kann von meinem gegenwärtigen Gehalt leben, meinen Bausparvertrag abbezahlen und sogar noch für teurere Anschaffungen oder Reparaturen sparen. Das BGE würde mir also nur dann einen Gewinn bringen, wenn ich meinen Status Quo halte.
Um mir das zu vereinfachen würde ich das Geld auf ein separates Konto leiten.
Schuldenfrei dank BGE
Da ich gegenwärtig nur einen befristeten Vertrag habe und ich für die Renovierung meiner Wohnung meinen Bausparvertrag beliehen hatte, würde ich das Geld erst einmal in die Tilgung dieses Kredites stecken.
Ich müsste nach gucken aber ich vermute mal, dass ich den damit nach rund einem halben Jahr abbezahlt hätte.
Damit müsste ich im Fall der Fälle vom BGE nur das Hausgeld bezahlen und das ist günstiger als irgend wo zur Miete zu wohnen.
Die 160€, die ich gegenwärtig Monatlich von meinem Gehalt zahle, hätte ich danach wieder zur freien Verfügung.
Finanzielle Reserve aufbauen/vergrößern
Der große Vorteil einer eigenen Wohnung, einer eigenen Garage und einem eigenen Autos ist halt, dass man damit so gut wie alles machen kann. Der Nachteil daran ist halt aber auch, dass man sich selbst um alles kümmern (und das auch bezahlen) muss.
Dementsprechend würde ich das Geld weiterer 6 Monate auf mein Sparkonto einzahlen um eine Rücklage für anfallende Reparaturen oder eventuell auch größere Neuanschaffungen zu haben.
Gegenwärtig versuche ich jeden Monat 500€ zu sparen. Manchmal sind es nur 100€ aber der Wille zählt. In wie fern ich dieses Geld weiter sparen würde kann ich gerade nicht sagen. Ich denke aber, dass ich den Dauerauftrag einfach weiter laufen lassen würde.
„Fazit“ 1 Jahr BGE
Damit hätte ich das erste Jahr mit BGE hinter mir. Wenn ich das Geld wirklich so konsequent eingesetzt hätte, wie hier beschrieben, dann würde es mir mein Leben rein Finanziell entlasten. Ich hätte von dem erarbeiteten Gehalt mehr zur freien Verfügung. Allein schon die Gewissheit, dass ich mir keine Sorgen wegen des Zeitvertrages machen muss, da meine Wohnung abbezahlt ist und ich Rücklagen für kostspieligere Reparaturen habe, wäre ein Traum.
öffentlicher Nahverkehr
Prinzipiell bin ich ein Fan des öffentlichen Nahverkehrs. Nur leider passen nach meiner Ansicht gebotener Service und die geforderten Preise nicht zusammen.
Das liegt z.B. daran, dass ich mit dem Auto 30 Min zur Arbeit brauche und fahren kann, wann ich möchte und mit den öffentlichen Verkehrsmitteln 1 bis 1,5h unterwegs bin und im Zweifelsfalle irgend wo hängen bleibe, weil ein Bus Verspätung hatte. (Im Sommer mag das gehen aber im Winter ist das …)
Dennoch würde ich mir jetzt für ~ 1400€ (das ist der rabatierte Preis, den ich über meinen Arbeitgeber bekomme) das Jahresticket des regionalen Nahverkehrsverbundes gönnen um einfach mal so die Gegend zu erkunden und neue Fotomotive zu finden. Ein Vorteil dieser Jahreskarte ist es für mich, dass ich am Wochenende oder Abends mein Rad mitnehmen kann. Perfekt um auch mal größere Touren zu machen.
Des weiteren würde ich anfangen die 4.395€ für eine Bahncard 100 (2. Klasse) zusammen zu sparen. Wer mich kennt weiß, dass ich nicht gerne in den Urlaub fahre/fliege. Aber ich stehe total auf spontane Wochenendtrips. Nur ist gerade hier immer wieder das Geld ein entscheidender Bremsklotz.
Es ist einfach schön spontan Freitag Abends in einen Zug steigen zu können, 2 Nächte in irgend einer Herberge zu pennen und dann am Sonntag Abend wieder nach Hause zu kommen. Gegenwärtig mache ich solche Touren eher mit dem Rad und Rucksack oder hänge noch ein paar Tage auf eigene Rechnung an eine Dienstreise dran. Das würde ich definitiv gerne öfter machen.
essen gehen
Seit dem ich ein festes Einkommen habe, gönne ich es mir mindestens einmal die Woche essen zu gehen. Das kann mal die gemeinsame Mittagspause mit Kollegen, ein abendliches Chillout mit Freunden oder auch ein gemütliches Essen mit einem guten Buch sein.
Ich koche zwar leidenschaftlich gerne aber dank der finanziellen Entlastung im 1 Jahr sollte ich jetzt das Geld über haben um mir das min 2x die Woche zu leisten. Bzw. wenn ich wirklich öfter Wochenendtouren mache, dann werde ich sowieso öfter essen gehen.
Fortbildungen
Ich habe eines meiner Hobbys zum Job gemacht und arbeite mit Herz und Seele in der IT. Leider sind gerade IT Fortbildungen ziemlich teuer. Zumindest so teuer, dass mir mein Arbeitgeber nicht jedes Jahr eine sponsert. So wie sich andere auf einen Urlaub am Meer freuen, so würde ich mir gerne jedes Jahr eine einwöchige Schulung mit einer angehängten Woche Urlaub in der jeweiligen Stadt gönnen. Das würde dann wohl mit 3-4000€ zu Buche schlagen. Solange ich einen Job habe, sollte das aber finanzierbar sein.
Wie ich inzwischen festgestellt habe, gibt es aber auch diverse gute Bildungsurlaube und online Kurse. Ich bin mir sicher, dass ich mir auch davon den einen oder anderen zusätzlich gönnen kann.
Kultur (Messen, Theater, Konzerte, Kino, …)
Ob ich jetzt geizig bin oder einfach nur bewusst mit dem mir zur Verfügung stehenden Geld umgehe. Ich gehe zwar gerne auf Messen, ins Theater oder auch mal ins Kino. Gegenwärtig gönne ich mir das allerdings nur sehr sehr selten. Aus meiner Sicht ist das Luxus. Wenn ich dank dem BGE das Geld dafür über habe, würde ich mir das aber gerne öfter gönnen. Gerne auch in Verbindung mit einem Kurzurlaub.
„Fazit“ 2 Jahre BGE
Ich denke, dass mir ein solches BGE die Möglichkeit geben würde, mehr Freiheit in meinem Leben zu genießen und auch mal ohne schlechtem Gewissen Geld in Aktionen zu investieren, die es mir Gegenwärtig nicht wert währen. Es ist aber irgend wie schon ironisch, dass mich die Freiheit die öffentlichen Verkehrsmittel zu nutzen, knapp 7000€ im Jahr kosten würde. Dank dem BGE mit meinem gegenwärtigen Gehalt könnte ich mir das aber leisten.
Mir ist gerade aufgefallen, dass mein gegenwärtiges Gehalt ausreichend ist um zu Leben und zur Arbeit zu kommen, um eben dieses benötigte Geld zu verdienen. Oder etwas überspitzt ausgedrückt: Ich lebe um zu arbeiten. Ich will damit nicht sagen, dass es mir schlecht geht oder das ich unzufrieden bin. Bisher war ich allerdings der Meinung, dass ich arbeite um mir mein Leben zu finanzieren.
Ein BGE zusätzlich zu meinem Gehalt würde mir also tatsächlich mehr Freiheiten geben.
Jobverlust
Ja, ich soll nicht pessimistisch denken aber theoretisch sollte ein BGE ja auch riechen um ohne Job leben zu können und z.B. ein Ehrenamt übernehmen zu können.
Jetzt würde mich mal interessieren, wie sehr ich mein Leben dafür anpassen müsste.
12000€ (GBE) – 3600€ (Hausgeld) – 260€ (Strom) – 708€ (Internet) – 1000€ (Versicherungen) – ??? (Steuern) – ??? (GEZ) = 6432€
Wenn ich nur diese Basiskosten, die mir gerade eingefallen sind abziehe, blieben mir 536€ pro Monat. Davon gehen dann aber noch Grund-, KFZ-, … Steuer und GEZ ab.
Wenn ich mich jetzt nicht total verrechnet habe und nichts kaputt geht, dann sollte ich davon leben können, ohne mein Leben dafür komplett auf den Kopf stellen zu müssen.
Ehrenamt
Da ich schon länger auf der Idee herumkaue eine WPK Medienkompetenz in einer Schulen anzubieten, würde mir das die Möglichkeit geben mal ein Konzept auszuarbeiten und diese Idee in die Tat umzusetzen.
Gegenwärtig supporte ich immer mal wieder Senioren, die Probleme mit ihren Rechnern oder Smartphones haben. Das macht mir Spaß und auch wenn ich Tagsüber fast das gleiche Beruflich mache ist es doch ein schönes Hobby. Vor allem, da die Senioren meistens persönlich daran interessiert sind was sie falsch gemacht haben und wie ich den Fehler löse. Es macht sie (und mich) Glücklich, wenn sie nach einem Jahr selbstständig alten Krempel bei ebay-Kleinanzeigen verkaufen oder Problemlos per SMS und E-Mail mit Freunden, Familie und Bekannten kommunizieren können.
Jobsuche
Ich denke, dass ein BGE ein wenig die Spreu vom Weizen trennen würde. Sprich wer nicht arbeiten will, bleibt zu Hause. Wer nur Geld für z.B. ein neues Auto verdienen will, sucht sich einen Kurzzeitjob.
Für mich sehe ich den größten Vorteil daran, dass ich mich nicht mit dem Amt herumschlagen muss. Als sich mein letzter Zeitvertrag dem Ende näherte und noch nicht abzusehen war, dass ich einen Anschlussvertrag bekomme, hatte ich mich Fristgerecht Arbeitssuchend gemeldet. Woraufhin ich vom Amt mit einer Tonne Papier überschüttet und zu unmöglichen Zeiten zu Beratungsgesprächen bei denen „eingeladen“ wurde.
Ohne diesem Zwang kann ich mir selbst Stellen raussuchen, die ich interessant finde. Ich bin nicht dazu gezwungen jeden Job anzunehmen und kann für mich entscheiden, ob mir beispielsweise das Betriebsklima passt. Wenn ich dafür nicht umziehen und auch nicht ewig weit fahren muss, dann könnte ich mich auch mit einer Halbtagesstelle anfreunden.
Geil, endlich eine Rente!
Die gegenwärtige „Rentenversicherung“ ist ist zwar eine super Idee. Nur leider geht sie gerade kaputt. Ich für meinen Teil gehe zumindest nicht davon aus, dass ich von dem Geld, was ich irgend wann einmal als „Rente“ erhalte, leben kann. (Ja, ich weiß das ist eine pessimistische Sichtweise.)
Ein BGE würde mir wieder eine Sicherheit für die Rente geben. Ich kann damit planen später mindestens 1000€ zu haben. Außerdem kann ich mir Geld dazuverdienen und dieses für später sparen ohne befürchten zu müssen, dass ich das angesparte Geld auf brauchen muss, sollte ich einmal Arbeitslos werden. So kann ich dann auch als Rentner die eine oder andere Reise finanzieren.